Murdervale – Psychologischer Horror von Vicente Cifuentes im Erko Verlag
Murdervale ist eine kompakte Horror-Graphic-Novel von Vicente Cifuentes, erschienen im Erko Verlag. Die Geschichte begleitet das Ehepaar Victor und Sara, das in die abgelegene Ortschaft Murdervale zieht, um zur Ruhe zu kommen. Victor ist gesundheitlich angeschlagen, die Beziehung angespannt – die Reise soll Abstand bringen. Doch der neue Ort wirkt von Beginn an unheimlich: nicht verzeichnet, kaum belebt, atmosphärisch bedrückend.
Was als Rückzug beginnt, kippt rasch in eine bedrohliche Erfahrung. Victor wird von Träumen, Halluzinationen und rätselhaften Begegnungen heimgesucht – etwa mit einer alten Frau, die scheinbar als einzige Bewohnerin sichtbar ist. Als Sara plötzlich spurlos verschwindet, beginnt für Victor eine verzweifelte Suche, die ihn immer tiefer in die dunkle Vergangenheit der Stadt führt. Hinweise auf einen Fluch, verdrängte Schuld und ein kollektives Schweigen verdichten sich zu einem Bild, das sich jeder eindeutigen Erklärung entzieht.
Inhalt
Aufbau, Stimmung und Erzählweise
Die Geschichte entwickelt sich ruhig, aber zielgerichtet. Cifuentes legt großen Wert auf die Beziehung zwischen Victor und Sara, auf ihre Unsicherheit, ihr Schweigen, ihre Brüche. Das Grauen entsteht nicht durch Schockeffekte, sondern durch die Art, wie das Alltägliche aus dem Gleichgewicht gerät. Je mehr Victor der Realität zu entgleiten scheint, desto stärker verschwimmen die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Bedrohung.
Die Erzählung nutzt klassische Elemente des psychologischen Horrors – Einsamkeit, Isolation, Identitätsverlust –, bleibt dabei aber konzentriert und glaubwürdig. Die Enge der Stadt spiegelt sich in der inneren Enge der Figuren. Jeder Raum, jedes Detail, jede Begegnung wirkt latent falsch, ohne explizit erklärt zu werden.
Visuelle Umsetzung
Cifuentes arbeitet mit einer stilisierten Aquarell-Optik, die zur Unschärfe und Unsicherheit der Handlung passt. Farbtöne sind gedämpft, oft erdig oder neblig – eine bewusste Entscheidung zugunsten der Atmosphäre. Die Bildgestaltung vermeidet klare Trennungen: Übergänge zwischen Räumen, Szenen und Geisteszuständen bleiben fließend.
Gesichter und Gesten sind realistisch, aber nicht überzeichnet. Besonders die Darstellung von Licht, Schatten und räumlicher Enge trägt wesentlich zur Wirkung der Geschichte bei. Auch Alltagsdetails wie Möbel, Kleidung oder Hausflure sind sorgfältig inszeniert – sie wirken vertraut, aber nie sicher.
Einordnung
Murdervale ist eine in sich abgeschlossene Erzählung mit klarer Struktur und konsequenter Spannung. Sie richtet sich an Leser:innen, die ruhige, psychologisch tiefgehende Horrorgeschichten mit visuellem Anspruch schätzen. Der Band eignet sich nicht für schnellen Konsum, sondern für ein konzentriertes Lesen – mit Raum für Deutung und Nachhall.
Die Kombination aus Beziehungsdrama, Mystery-Struktur und existenziellem Horror ergibt ein dichtes Werk, das seine Wirkung ohne Lautstärke entfaltet.


